Während ich dieses Gedicht von Rainer Maria Rilke laut lese:
…
Ist es möglich,
daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat,
zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen,
und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen
wie eine Schulpause,
in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich,
daß man trotz Erfindungen und Fortschritten,
trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche
des Lebens geblieben ist?
Ist es möglich,
daß man sogar diese Oberfläche,
die doch immerhin etwas gewesen wäre,
mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat,
so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien?
Ja, es ist möglich.
Ist es möglich,
daß die ganze Weltgeschichte mißverstanden worden ist?
Ist es möglich,
daß die Vergangenheit falsch ist,
weil man immer von ihren Massen gesprochen hat,
gerade, als ob man von einem Zusammenlauf
vieler Menschen erzählte,
statt von dem Einen zu sagen, um den sie herumstanden,
weil er fremd war und starb?
Ja, es ist möglich.
…
Während ich dieses Gedicht lese, schießt mir ein Gedanken durch den Kopf:
Ist es möglich, dass ich gar nicht existiere?
Ist es möglich, dass wir gar nicht existieren?
Sondern nur geträumt werden von einem Unbekannten, der sich unruhig im Schlaf wälzt und irgendwann Schweiß gebadet aufwacht und sich nicht mehr an den Traum und an uns erinnern kann?
Ist es möglich, dass wir nur Traumfiguren sind und deshalb unser Leben nicht (be) greifen können?
Ist es möglich, dass egal welche Entscheidungen wir fällen – es gar keine eigenen Entscheidungen sind, sondern nur geträumte Kurzgeschichten eines fremden Gehirns?
Dass unsere Gedanken und unser ganzes Tun nicht von uns kommen, von uns gestaltet wird – sondern durch den Traum vorgeben ist? Dass wir nur eine kurze Rolle ohne eigene Entscheidungen in einer Geschichte spielen, deren Ende wir nicht kennen. Und wenn dann die Aufführung abrupt endet, haben wir, die geträumten Marionetten, auch keine Funktion mehr.
Denn der Traum, der von uns handelte, ist zu Ende. Es gibt keine Wiederholung oder Fortsetzung des Geträumten.
Beim nächsten Traum spielen wieder andere Figuren eine Rolle …
DAs Gedicht berührt mich. Es regt zum Nachdenken an, es ist wunderschön.
Deine Gedanken dazu erinnenr mich etwas an meine Kindheit (nicht, dass sie jetzt schon ausgelebt ist… sie wird immer weiter gehen). früher, als ich noch nicht wusste, dass das All und die Unendlichkeit existiert. Ich war der meinung, die Erde sei ein rießengroßer Kopf, das Gras die Haare und wir die Läuse. Jedoch kommt mir das nun gar nicht mehr so abwägig vor. Vielleicht sind wir wirklich nur der Traum einer höheren Macht. Hier fällt es mir jedoch schwer, mir vorzustellen, wer dieser jemand ist, der uns „nur träumt“. Es ist genauso wie mit meiner fehlenden Vorstelungskraft, wie andere Welten wohl sind. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass irgendwo andere Naturgesetze existieren, die Lebewesen anders aussehen als unsrige.
Um auf deinen EIntrag zurückzukommen, nun eine Frage, oder besser ein Gedanke: wieso denken wir dann? Wieso existieren wir, oder wieso träumen wir?
Ich werde darüber nachdenken, in ruhe. Ich hoffe, ich werde eine Antwort finden.
Besteht nicht der Sinn unseres Lebens darin, nach dem Wieso und dem Warum zu fragen – und nie eine Antwort zu erhalten? Außer einer subjektiven …
Brauchen wir überhaupt eine Antwort? Und wenn wir eine Antwort bekämen, bräuchten wir diese Erkenntnis um zu leben?
Zu Deinem Beispiel mit den Läusen: Die die oben auf dem Gras bzw. Haare sind haben den besten Überblick, sehen immer viel Neues und haben ein abwechslungsreiches, aufregendes aber auch sehr kurzes Leben – denn sie werden als erstes entdeckt und vernichtet. Die die unten geblieben sind, wissen nicht was um sie herum passiert, der Tagesablauf ist immer gleich, ihre Umgebung auch – und sie haben die bedeutend größeren Chancen unentdeckt zu bleiben.